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Etwa jeden zweiten Tag bekomme ich eine Mail mit ausführlichen Informationen (vermute ich), die zudem noch reich bebildert ist. Leider kann ich sie nicht lesen, weil ich weder die Schrift entziffern kann noch die Sprache verstehe.

Eine der Emails, die ich drei- bis viermal in der Woche bekomme.

Das kam so: Ende März und im April 2014 war ich, zusammen mit einem Kamerateam, in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Wir sollten über die Präsidentschaftswahlen berichten – bzw. über das, was es dann letztendlich war.

Hamid Karzai wurde ja schon 2001, nachdem die Taliban vertrieben waren, zum Präsidenten von Afghanistan ernannt. In Jahr 2004, bei den ersten (relativ) demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes, wurde der Mann, der anfangs die Taliban unterstützt hatte und sich später gegen sie stellte, vom Volk zum Staats- und Regierungschef gewählt. Zur großen Freude der USA.

Präsident durch Wahlbetrug

Fünf Jahre später, im August 2009 kandidierte Karzai wieder für das höchste Amt im Staat. Sein schärfster Widersacher war der Augenarzt und Politiker Abdullah Abdullah. Der allerdings zog sich schon vor der Stichwahl zurück, da mehr als eine Million von gefälschten Stimmzetteln zugunsten Karzais gefunden wurden.

Die UN und andere Wahlbeobachter drückten beide Augen zu (oder waren tatsächlich blind?). Karzai jedenfalls wurde wieder Staatspräsident und konnte weiterhin dafür sorgen, dass er und seine Familie nicht "am Hungertuch nagen mussten".

Da es nicht gelungen war, das entsprechende Gesetz zu ändern, durfte Karzai bei den Wahlen im Jahr 2014 nicht erneut antreten.

Bis zur Frist im Oktober 2013 meldeten sich 26 Männer und eine Frau zur Wahl für das Amt des Präsidenten an. Die "unabhängige" Wahlkommission strich 16 der Bewerber von der Liste. Unter ihnen die Frau. Die Begründungen waren unterschiedlich: fehlende Dokumente, mangelnde Bildung, zu wenig Unterstützung etc.

Von ursprünglich 26 Kandidaten blieben nur elf

Ein paar weitere Kandidaten traten freiwillig zurück. Uns ausländischen Beobachtern war ziemlich schnell klar, dass nur zwei der Kandidaten wirklich eine Chance hatten:

Ashraf Ghani, 1979 beim Einmarsch der sowjetischen Truppen geflohen, später als Wissenschaftler und Banker in den USA tätig. Muttersprache: Paschtunisch

Und sein Widersacher, Abdullah Abdullah, noch immer Augenarzt und Politiker. Muttersprache: Dari.

Tatsächlich kam es dann auch zur Stichwahl zwischen den beiden Männern, die genau so ausging, wie erwartet: der paschtunisch sprechende Teil der Bevölkerung wählte Ghani, der Teil, der Dari als Muttersprache hatte, wählte Abdullah.

Zünglein an der Wage waren also die Afghanen mit den Muttersprachen Usbekisch, Turkmenisch, Belutschisch, Paschai und Nuristani.

Und wieder wurde so gut wie möglich betrogen

Der Banker gewann mit knapper Mehrheit vor dem Augenarzt. Dieser jedoch focht die Wahl an, da wieder die Zahl der Stimmzettel nicht mit der Zahl der Wähler übereinstimmte.

John Kerry, damals Außenminister der USA erreichte, dass neu ausgezählt wurde. Das neue Ergebnis war anders – die Zahlen wurden vorerst nicht bekannt gegeben, alle Beteiligten hatten Stillschweigen vereinbart.

Erst Ende September 2014, die eigentliche Wahl war schon im April gewesen, hieß es plötzlich, dass Ashraf Ghani die Wahl mit rund 55 Prozent der Stimmen gewonnen habe und somit neuer Staatschef sei.

Um nationale Einheit zu demonstrieren und den Frieden zwischen den Ethnien zu sichern, sollte Abdullah Abdullah trotzdem an der Regierung beteiligt werden. Schnell wurde ein bis dahin unbekannter Regierungsposten geschaffen.

Abdullah ist seitdem "Chief Executive of the Islamic Republic of Afghanistan”. Also so etwas wie der Vorstandsvorsitzende des Staates.

Und was hat das nun alles mit Spam zu tun?

Vom Politiker und Augenarzt hatte ich nach langen Bemühungen einen Termin für ein Fernsehinterview bekommen. In einer mit Sandsäcken, Stacheldraht und Wachposten gesicherten Villa, deren Adresse nicht genau bekannt sein sollte, warteten mein Kamerateam und ich auf ihn. Kamera, Ton und Licht, alles war aufgebaut und wir waren bereit für das Gespräch mit dem "Chief Executive". Und er kam pünktlich und mit gut bewaffneter Begleitung.

Beim Smalltalk, der fast jedem Interview vorausgeht, wurden Visitenkarten ausgetauscht, so, wie es die Höflichkeit gebietet. Und dann beantwortete Abdullah mir meine Fragen, wich hin und wieder aus, bat einmal darum, mit der nächsten Frage weiter zu machen, trank zwischendurch grünen Tee und aß Rosinen (wie sich das in Afghanistan gehört) und hatte offensichtlich Zeit für den Reporter aus Deutschland.

Der Spam-Startschuss mit 21 Anhängen

Das Gespräch war gut, er war (für einen Politiker) relativ offen (bei Fragen nach der "First Lady" wich er deutlich aus) und nahm sich Zeit.

Und kaum war ich zurück im Hotel und war wieder online, da kam die erste Email vom "Office of the Chief Executive". Mit 21 angehängten Fotos und komplett in Dari geschrieben.

Ein paar Wochen fand ich das ganz lustig, jeden zweiten Tag eine Mail aus Kabul zu bekommen. Ein paar Monate lang fand ich es erträglich.

Jetzt sind rund dreieinhalb Jahre vergangen. Ich ärgere mich, dass ich damals keine Visitenkarten ohne Email-Adresse hatte. Die Mails kommen weiterhin. Ich habe auf englisch an die Absenderadresse geschrieben. Habe auf Dari schreiben lassen. Habe das Büro Abdullahs angerufen, meinen Freund beim Außenministerium in Kabul um Hilfe gebeten.

Als ich das letzte mal bei der afghanischen Botschaft in Canberra war, habe ich mein Leid geklagt. Ich habe sogar einen Brief geschrieben – von dem ich allerdings nicht glaube, dass er angekommen ist. Die Emails kommen etwa so zuverlässig wie die Anschläge der Taliban in Afghanistan.

Mein Lichtblick: innerhalb der nächsten drei Monate werde ich wohl für zwei oder drei Wochen wieder in Afghanistan unterrichten. Dann werde ich versuchen, beim Büro des "Vorstandsvorsitzenden" persönlich vorzusprechen.

Einfach die Email-Adresse ändern? Fast unmöglich für einen Journalisten, der auf Auftraggeber angewiesen ist ...

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Kabul: Von Smog, Wahlen und afghanischen Bräuchen

Ende März und im April 2014 war ich, zusammen mit einem Kamerateam, in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan. Wir sollten über die Präsidentschaftswahlen berichten. Eindrücke einer Reise in ein zerrissenes Land.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.


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